„Streiten am Starnberger See – geht das?“

Streitkultur Interessenkonflikte & Erfolgsstrategien in der großen Transformation

„Streiten am Starnberger See – geht das?“

Ja, das geht, wenn sich alle Beteiligten darauf einigen, dass Konflikte – wie in der antiken Demokratie – mit Respekt, Toleranz und vor allem friedlich ausgetragen werden.

Streitkultur: Interessenkonflikte & Erfolgsstrategien in der großen Transformation

Das war das „Leitmotiv“ der Veranstaltung vom 22. – 23. Oktober in der Evangelischen Akademie in Tutzing. Die Initiative Wissen war für ihre Partner vor Ort und berichtet hier über die Veranstaltung.

Der Vorsitzende des Bundesverbandes Naturschutz Deutschland (BUND) Professor Dr. Weiger eröffnete die Tagung im Auditorium der Akademie, zu der ca. 60 Gäste gekommen waren. In der ersten Runde kooperierte Nina Schulz, eine freiberufliche Journalistin aus Berlin, die sich auch als „Aktivistin“ in der linken Kultur vorstellte. Ihr Beitrag zum Thema Streitkultur bestand darin, das Projekt „Enteignung“ der „Deutschen Wohnbau“ am Cottbusser Tor vorzustellen. Die naheliegende Kapitalismuskritik war nicht zu überhören.

Herausforderungen und der Streit darüber

Sicherlich: „Es gibt ständig die Aufforderung an die Gesellschaft bei den Themen, Öl, Waffen, Flächenverbrauch, Energie usw. wachsam zu sein und die Technik weiter zu entwickeln“, so Prof. Weiger. Und ohne Streit über den richtigen Weg gibt es in der Demokratie keine Entscheidungen. Doch dieser Streit muss sachlich und darf nicht auf persönlicher Ebene ausgetragen werden.

Doch nach Meinung von Prof. Weiger findet dieser Streit beispielsweise in den Parteien kaum noch statt. „Alternativlos“ gibt es und darf es daher nie mehr geben.

Hätten Sie gedacht, dass „Personaler“ mehr gebraucht werden denn je?

Vielen Firmen in Deutschland geht es prächtig, so viel können sie bei der Digitalisierung nicht falsch gemacht haben. Oder doch?

Phillip Rahm, Unternehmer aus Sinzing in Bayern, beschrieb in einem interessanten Vortrag, dass deutsche Unternehmen nur sehr begrenzt verstehen, was mit der Digitalisierung auf uns alle zukommen wird. Beim Thema Digitalisierung denkt man zuerst an „Tekkies, Nerds, ITler oder Programmierer. Doch das ist der falsche Ansatz. Die digitale Technik erfordert neue Organisationen und neue Formen der Zusammenarbeit und „Personaler“ haben dabei eine entscheidende Aufgabe zu bewältigen. Hier die Zusammenfassung:

„Deutschland ist Exportweltmeister, die Wirtschaft brummt, es gibt tolle Firmen mit tollen Produkten. Aber wenn man genauer hinschaut, findet man viele Indikatoren dafür, dass Unternehmen, aber auch die öffentliche Verwaltung oder Universitäten bei der Digitalisierung im internationalen Vergleich zurückfallen. Vom schleppenden Breitbandausbau über die begrenzten Finanzierungsmöglichkeiten für Start-ups bis zu Wissenschaftlern, die ins Ausland abwandern – all das sind Anzeichen dafür, dass Deutschland von seiner Substanz zehrt. Wenn man etwa in Schweden über Cloud- Computing oder Sensorik referiert, wird dort über die Chancen diskutiert. Hierzulande spricht man über Gefahren und Risiken. Und weil viele in diesem typisch deutschen Entweder-oder-Schema stecken, ist das Resultat oft, dass man erst mal gar nichts macht.

Es geht darum, den Menschen zu signalisieren, dass sie auch in der neuen Situation gebraucht werden. Das wird nicht ausreichend gemacht. So munitioniert man diejenigen, die sagen: Digitalisierung ist ein Marketinghype, der nur die Berater und Softwarefirmen reich macht. Das ist alarmierend, denn die Frage, ob die Digitalisierung kommt oder nicht, ist entschieden: Sie ist da!“

Führungsaufgaben

Diese Transformation zu steuern ist die originäre Aufgabe von Führungskräften. Viele hissen gern die Industrie-4.0-Fahne, machen hier und dort ein scheinbar imageträchtiges Projekt mit diversen digitalen Assistenzsystemen für die Produktion. Auch deshalb scheitern viele interne Industrie-4.0-Projekte. Wenn man zehn Führungskräfte eines Unternehmens fragt, wie weit sie bei der Digitalisierung sind, bekomme man oft acht unterschiedliche Antworten: Der eine erzählt, dass er zwei Maschinen verknüpft hat, der zweite, dass man jetzt Rechnungen per E-Mail verschickt, der dritte, dass die Personalakten digitalisiert wurden. Aber all das folgt eben oft keinem synchronisierten Transformationsplan. So gibt man Mitarbeitern keine Orientierung.

Das Zeitalter der Personaler ist gekommen: Wer oder was hindert sie daran?

Sie werden gebraucht wie nie zuvor, und zwar gestalterisch: Es geht um neue Kompetenzprofile, um die Beschreibung neuer Arbeitsplätze – also um tiefgreifende Auswirkungen der Digitalisierung auf Menschen im Arbeitsprozess. Man kann die Floskel vom lebenslangen Lernen nicht mehr hören, aber wir sind definitiv an dem Punkt, wo das alle wirklich tun müssen.

Das Thema wurde lange Zeit von IT-lern und Leuten aus der Produktion sehr zahlen- und Technik lastig behandelt. Erst mit langem Zeitversatz wurde auch über New Work oder den Menschen 4.0 gesprochen. Einerseits hat man also die Personalabteilungen nicht gelassen, andererseits haben viele von ihnen erst spät erkannt, was für eine spannende Aufgabe da vor ihnen liegt. Nicht jeder muss programmieren können, aber jeder muss verstehen, dass Daten ein wichtiger Rohstoff sind, wo sie entstehen, wie sie verloren gehen können, wie man sie sauber verarbeitet. Das ist der Kern von Digitalkompetenz. Spätestens jetzt, da die Digitalisierung in vollem Umfang in den Werkhallen und Bürotürmen ankommt, müssen Konzepte für die Qualifikation, Arbeitszeitgestaltung, Organisationsentwicklung, Motivation und Entlohnung realisiert werden. Das zu leisten ist Kärrnerarbeit für die Personaler.

Der Techniker muss die Geschäftsmodelle des Unternehmens verstehen, der Kaufmann die Herkunft der Daten für neue Dienstleistungen nachvollziehen können. Ein Personaler muss vernetzt und ganzheitlich denken können, also die Zusammenhänge in der gesamten Wertschöpfung verstehen – nicht nur seine eigene Aufgabe. Starke Kommunikations- und Kooperationsfähigkeiten und interdisziplinäres Verständnis sind gefragt.

Führungskräfte können von ihren zu 120 Prozent ausgelasteten Mitarbeitern nicht verlangen, sich nebenbei auf dem Laufenden zu halten. Sie müssen Räume schaffen zum Experimentieren mit neuen Ideen oder für E-Learning-Plattformen zur Vermittlung neuer Digitaltrends. Menschen sind neugierig, unabhängig von ihrem Alter. Man muss ihnen nur die Möglichkeit geben, das auszuleben und persönliche Vorteile darin zu erkennen.

Eine interessante Diskussion und die Probleme mit dem „Unisono“ Symptom

Unisono: Heißt in etwa “einstimmig“, „einvernehmlich“, „übereinstimmend“ oder „zusammen.

Immer häufiger ist zu beobachten, dass, obwohl der Redner oder die Rednerin erst die Hälfte ihres Satzes gesprochen hat, manche Zuhörer beifällig und „unisono“, beispielsweise durch Kopfnicken, Zustimmung signalisieren. So, als wüssten sie bereits den kompletten Inhalt der Information. Man könnte auch „wohlfällig“ dazu sagen.

Nach reger Diskussion schien festzustehen, dass es nur noch um Unterschiede oder Differenzierungen bei den Haupt-Themen ging. Kapitalismus, Politik, Staatsversagen, Klimakatastrophe usw., ohne die vermeintlichen Postulate zunächst zu hinterfragen. Die „Meinungsführer“ waren, wie häufig in den Talkrunden des Fernsehens, ein Gewerkschafter, Leute vom B.U.N.D, ein langjähriges SPD Mitglied, eine Ex – Lehrerin und andere Teilnehmer und überwiegend auf „Empörungskurs“, sozusagen als  „Spiegel“ der Gesellschaft.

Als interessierter Teilnehmer hatte ich mir einige Stichwörter für die Fragerunde notiert, ohne diese episch zu erklären:

Enteignung: Nationalsozialismus und der DDR Sozialismus gaben abschreckende Beispiele zur Enteignung

Kommunismus und Sozialismus haben die größten Umweltschäden in der Geschichte der Menschheit hinterlassen. Venezuela gibt gerade ein weiteres Beispiel. Trabbi oder Wartburg fahren war grob umweltschädlich

Knappheitsdenken, Endlichkeit, Ressourcenverbrauch – Was passiert mit dem menschlichen Geist und seinem Bewusstsein, der ständig limitiert wird? Welche Zukunft gestalten wir mit den Endlichkeitsszenarien?

Wie steht es um die Freiheit und die Eigenverantwortlichkeit des Menschen?

Deutschlands CO2 Emissionen stehen für lediglich 1,5 Prozent weltweit. Vielleicht eine moralische Bedeutung aber nicht ansatzweise entscheidend. Innenpolitisch aber angeblich von höchster Priorität.

Diesel: Eine Industrie wird zerstört, wegen eines willkürlich festgelegten Wertes der WHO von 40 mg. Der US Staat Kalifornien mit den strengsten Umweltvorgaben erlaubt 120 mg

Welche Emissionen entstehen durch Militär, Schiffsflotten, LKW – Verkehr? Stichwort: NATO Manöver

Ja, nach diesen und anderen Stichworten gab es wirklich – friedlichen -Streit und die Diskussionen wurden in kleineren Gruppen fortgesetzt.

Der zweite Tag begann – in evangelischer Frühe – mit einer kurzen Andacht in der Schlosskapelle der evangelischen Akademie. Einige Worte der Inspiration zum Thema „Streit“ aus dem Brief des Paulus an die Galater motivierten die anwesenden Teilnehmer für den kommenden Tag.

„Das Wesen der Religion ist für mich die Fähigkeit, sich in die Haut des anderen zu versetzen, sich mit ihm zu freuen und mit ihm zu leiden.“  Albert Einstein

Die große Transformation – wo findet die statt? Gefahren und Risiken

Im Mittelpunkt stand zunächst ein Streitgespräch zwischen Prof. Dr. Sturn, vom Schumpeter Center in Graz und Dr. Kora Kristof vom Umweltbundesamt in Berlin. Dabei war es fast peinlich, zu erfahren, wie armselig die Ausstattung des Ministeriums an Mitteln und Technik für das Thema Digitalisierung ist.

Dabei wäre aus Sicht von Frau Kristof eine grüne Politik mit digitalisierten Instrumenten vernünftig und innovativ. Jedoch haben grüne Politiker immer noch Berührungsängste mit diesem Thema. „Grün und digital“ schein (noch) nicht zu gehen. Aber: „Das Amt hat keine Ressourcen für Digitalisierung“.

„Kreative Zerstörung“?

Leider, aber auch verständlich, gab es nicht die erwartete Stellungnahme eines „Schumpeters“ zum Thema Digitalisierung. Denn bei der Transformation durch die Digitalisierung müsste man wahrscheinlich über die brutalste „kreative Zerstörung“ der Gegenwart sprechen. Professor Sturn konzentrierte sich dafür auf die Notwendigkeit, zu erklären, dass es um eine neues „Mindset“ in der gesamten Gesellschaft geht. Die große „Transformation“ findet natürlich auch in den Köpfen der Menschen und in allen Organisationen in unterschiedlichen Erscheinungsformen statt. Denn, so die einhellige Meinung, die Digitalisierung ist nicht aufzuhalten, passiert täglich und ohne dass wir uns dessen wirklich bewusst sind.

Im Frühjahr gibt es ein eigenes Seminar zum Thema „Kreative Zerstörung“ in der Evangelischen Akademie.

Insgesamt war dieses Event sehr erhellend, bereichernd und wurde durch die eloquenten Redner auf einem hohen Niveau geleitet.

Peter Grabandt – Redaktion Initiative Wissen
München 30.10.2018