Kalte Deutsche, laute Araber | Körpersprache in fremden Ländern | Gabi Kratchowil im Interview

„Kalte Deutsche, laute Araber“
Gabi Kratochwil

Ein Araber fragt uns nach dem Weg. Wir sagen: »Tut mir leid, kenne ich nicht«, und drehen uns um. Für ihn ist es ein Affront. Wie kann das sein? Ein Interview mit Gabi Kratochwil über die kulturellen Unterschiede der Körpersprache.

Jemand Fremdes spricht uns an. Schnell müssen wir die Situation bewerten: Erscheint er uns freundlich? Ist er aufrichtig? Das ist gar nicht so einfach. In einer solchen Situation verlassen wir uns stark auf nonverbale Zeichen und kommunizieren (auch) mit unseren Händen, unserer Haltung und den Gesichtsmuskeln, mit einem Lächeln oder Stirnrunzeln – das Schlüsselwort: Körpersprache.

Ein Problem dabei: Unterschiedliche Kulturen haben hier eigene Codes und die führen mitunter zu Missverständnissen. Vor 2 Monaten haben wir gefragt: »Sprechen Sie Körper«? Nun wollten wir von einer »Körpersprecherin« mehr über die Körpersprachen fremder Länder wissen. Gabi Kratochwil ist promovierte Islamwissenschaftlerin und berät deutsche Unternehmen, Institutionen und Verbände bei Geschäftsbeziehungen mit arabischen Ländern.

Wann ist Ihnen zum ersten Mal klargeworden, wie unterschiedlich Körpersprache im interkulturellen Kontext sein kann?
Gabi Kratochwil: Ich habe Orientalistik an der Uni Bonn studiert und bin 1989/90 im Rahmen eines Auslandsjahrs nach Ägypten gefahren. Dieses laute Durcheinanderreden, dieses sehr Emotionale, sehr Gestenreiche, das ist mir damals direkt aufgefallen. Auch waren im gleichgeschlechtlichen Kontext – also Frau-Frau, Mann-Mann – die Körperdistanzen zueinander deutlich näher. Man rückt sich sprichwörtlich auf die Pelle. Ich fand das … am Anfang zunächst gewöhnungsbedürftig.

Mit Seminaren zum Geschäftserfolg in der arabischen Welt?

Und heute sind Sie Fachfrau und geben Business-Kurse in interkultureller Verständigung, spezialisiert auf die arabische Welt.
Gabi Kratochwil: Da gibt es natürlich große Unterschiede. Marokko ist nicht Saudi-Arabien, Tunesien ist nicht Algerien. Aber auch innerhalb der einzelnen Länder haben wir sehr große Unterschiede: Welche Stadt, welche Region? Stadt oder Land? Golf-Araber sind vergleichsweise zurückhaltender, Ägypter lebendiger und sehr gestenreich – ohne das jetzt über die Maße pauschalisieren zu wollen. Auch das Milieu ist wichtig: Ist es modern liberal, ist es eher traditionell religiös konnotiert? Je traditioneller der Kontext, desto geschlechtergetrennter ist das Ganze beispielsweise.

Das klingt nachvollziehbar. Aber warum nehmen Menschen an Ihren Kursen teil?
Gabi Kratochwil: Als deutscher Unternehmer beispielsweise möchte ich mit den Menschen vor Ort gut, zielführend und auch effektiv zusammenarbeiten. Und zwar so, dass auf beiden Seiten ein Verständnis für gegenseitige Erwartungen vorhanden ist.

Haben Sie da ein konkretes Beispiel?
»Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit.« – Arabisches Sprichwort
Gabi Kratochwil: Nehmen wir die deutsche Kultur. Die ist als Gruppenkultur eher monochron. Das heißt, Zeit und Pünktlichkeit sind sehr verbindlich und haben mit Professionalität und Respekt zu tun. In polychronen Kulturen wird Zeit eher als Prozess verstanden. Das beeinflusst die Kommunikation: Komme ich in einer polychronen Kultur zu spät, läuft das nach dem Motto: »Sie sehen ja, dass ich nicht da bin, dann brauche ich nicht noch anzurufen.« Natürlich trifft das nicht auf jeden Einzelnen und jeden Kontext zu. Und das ist mir sehr wichtig, denn man muss sich immer auch situativ fragen: »Wen habe ich da vor mir?« Sonst wird das Ganze zu klischeehaft.

So kann es gelingen, fremde Körpersprache zu verstehen

Das klingt sehr komplex. Mit welchen Methoden vermitteln Sie die Vielfalt der kulturellen Eigenheiten?

Gabi Kratochwil: Im Seminar machen wir kleine Rollenspiele, sogenannte »Critical Incidents«. Man kann viel reden, aber es zu erfahren, auszuprobieren, selbst mal zu spüren – ich glaube, das ist die effektivste Lernmethode.
»Ich habe das als mangelnden Respekt interpretiert, dabei war es genau das Gegenteil«

Welche Rolle spielt Körpersprache in Ihren Seminaren?

Gabi Kratochwil: Sie kennen vielleicht das Beispiel mit der »Body Buffer Zone«. Dass jemand ganz nah auf mich zukommt. Man spürt dann bei den Teilnehmern meist dieses Unbehagen. »Oh Gott, das ist jetzt aber super unangenehm«. Was mache ich? Ich ziehe die Schultern hoch, verschränke die Arme, weiche einen Schritt zurück. Ich versuche, mich aus der Situation irgendwie rauszunehmen. Die Situation ist unangenehm, aber die Teilnehmer wollen auch nicht durch ein Zurückweichen signalisieren, dass sie das Gegenüber nicht mögen. Also fangen viele an zu lachen.

Jetzt könnte man sagen, ein Seminar ist ein sicherer Raum mit eigenen Regeln. Die Teilnehmer wissen ja, dass sie etwas über Körpersprache lernen. Wie erkennen wir in der Realität kulturelle Unterschiede in der Körpersprache?

Gabi Kratochwil: Das kommt ganz auf die Erfahrung an. Menschen, die viel global tätig sind, gehen natürlich anders mit solchen Situationen um und können das lesen.
Nehmen wir ein anderes Beispiel: Wir sehen im arabischen Raum eine Gruppe von Menschen zusammenstehen, die sehr laut miteinander reden, sich unterbrechen, sich vielleicht mal anstupsen. Wenn ich keine Erfahrungen mit diesem Verhalten habe, werde ich schnell denken: Die streiten sich. Ich brauche hier die Einordnung, dass dieses Verhalten einer emotionaleren Kultur geschuldet ist. Im Allgemeinen ist die Körpersprache im arabischen Raum sehr expressiv.
Beispiel Begrüßung: In Deutschland schätzen wir bei einer Begrüßung einen festen, kurzen, zupackenden Handschlag. Das verbinden wir auf der Geschäftsebene mit Selbstbewusstsein, Aufrichtigkeit, Zuverlässigkeit. In der arabischen Welt gibt es (je nach Region) einen ganz leichten Händedruck. Unser Handschlag gilt dort häufig als absolut dominante Geste. Dafür ist die Begrüßung per Wangenkuss unter Männern üblich und höflich.

Wir müssen also etwas über die Kultur lernen, um Missverständnisse, die auf einer Fehlinterpretation der Körpersprache gründen, zu vermeiden. Kann man seine eigene – häufig doch eher spontane – Reaktion auch gezielt trainieren?

Gabi Kratochwil: Ja. Das geht über Übungen, bei denen wir anhand einer frei erfundenen Kultur die Elemente ändern, die als höflich gelten. Das erzeugt eine fürchterliche Irritation bei den Teilnehmern. Und das hilft. Wenn ich sowas schon einmal erlebt habe, dass eine Geste, ein Körperabstand etwas ganz anderes bedeuten kann, als meine Wertung es eigentlich aus meinem kulturellen Referenzrahmen heraus vorgibt, bin ich offener für andere Interpretationen von Gestik und Mimik. Diese Offenheit erlaubt andere Einschätzungen und Interpretationsräume von Signalen.

Beispiel Blickkontakt: In Deutschland ist es bei Geschäftspartnern höflich, sich in die Augen zu schauen und direkten Blickkontakt aufrechtzuerhalten. In traditionellen Milieus der arabischen Welt kann das je nach Status und Geschlecht anders sein. Direkter Blickkontakt mit einem Fremden wird dort zum Beispiel im gegengeschlechtlichen Kontext vermieden.

Haben Sie selbst schon einmal einen »Fehler« bei der Körpersprache in der arabischen Welt gemacht?

Gabi Kratochwil: Natürlich. Ich habe vor vielen Jahren ein Interview mit einem religiösen Würdenträger in Marokko geführt. Dabei hat mich mein Interviewpartner überhaupt nicht angeschaut. Ich war damals relativ jung und unerfahren und habe dann immer wieder versucht, direkten Augenkontakt aufzubauen. Irgendwann merkte ich, dass ich mich unbeliebt machte. Ich habe die Körpersprache als mangelnden Respekt interpretiert, dabei war es genau das Gegenteil: Es wäre absolut respektlos gewesen, mich direkt anzuschauen.

Wissen um Körpersprache beugt Missverständnissen bei der Integration vor

Kommen wir zurück nach Deutschland. Im Rahmen der Flüchtlingssituation treffen hierzulande sehr unterschiedliche Kulturen aufeinander. Welche – möglicherweise befremdlich wirkenden – Eigenheiten bringen die Geflüchteten mit?

Die machen das alle so? Nein, Körpersprache ist auch im arabischen Raum stark von der gesellschaftlichen Gruppe, dem Alter und den Sprechern anhängig.

Gabi Kratochwil: Wenn Araber in einer Gruppe etwas diskutieren, beispielsweise sich organisieren, dann klingt das oft, als würden die sich wirklich streiten, und als würde gleich eine Schlägerei losgehen. Die reden laut durcheinander, wild gestikulierend. Das wird oft als aggressiv empfunden. Es kommen ja gerade viele junge Männer hier hin und nicht erst seit den Vorfällen an Silvester in Köln heißt es, da kommen junge aggressive Schläger oder Machos. Und natürlich gibt es Machos in der arabischen Welt. Genauso wie es in Japan und in Deutschland Machos gibt. Aber dieses laute und für Nicht-Kenner aggressive Sprachverhalten, ich glaube das kann, gerade wenn man jetzt in einer Flüchtlingsunterkunft ist, als Bedrohungs-Szenario missverstanden werden.

Wäre es hilfreich, jemanden aus der jeweiligen Kultur als »Übersetzer« für Körpersprache zu Rate zu ziehen?

Gabi Kratochwil: Das ist tatsächlich möglich. Gerade beim Thema Geflüchtete – wir haben sehr gute Erfahrungen beim Einbeziehen älterer, hier schon länger lebender Migranten gemacht. Diese müssen natürlich von der Gruppe akzeptiert werden. Wenn die sagen: »Hier in Deutschland läuft das so und so«, wird das ganz anders aufgenommen. Dabei spielt auch das Senioritätsprinzip eine große Rolle: Das Vertrauen gegenüber Älteren ist in der arabischen Welt generell sehr stark. Mann oder Frau ist dabei egal. Auch ältere Frauen genießen durchaus großen Respekt und sind auch weisungsbefugt. Mit Aussagen, wie »die Rolle der Frau in der arabischen Welt ist so schrecklich« würde ich deshalb sehr vorsichtig sein und auch dabei differenzieren wollen.

Beispiel Small-Talk: In Deutschland arbeitet man »sachorientiert«. Auch beim geschäftlichen Gespräch gilt es als höflich, distanziert auf der Sachebene zu bleiben. In der arabischen Geschäftswelt ist das häufig anders: Dort möchte man erst einmal wissen, was das Gegenüber für ein Mensch ist.

Tauschen wir mal die Rollen. Die Geflüchteten, die zu uns kommen, werden ja sicherlich auch auf einige Eigenarten von Deutschen treffen, die ihnen fremd und merkwürdig vorkommen. Gibt es da ein paar typische Fettnäpfchen?

Gabi Kratochwil: Da gibt es sicherlich ganz, ganz viele. Viele arabische Partner spielen mir zurück, dass sie uns als sehr kalt empfinden. Nehmen wir einen Araber, der am Hauptbahnhof nach dem Weg fragt. Der Deutsche antwortet: »Tut mir leid, das weiß ich auch nicht«, und dreht sich um. Der Araber erlebt das als Affront. In der arabischen Kultur entsteht durch eine solche Frage eine kollektive Angelegenheit, eine Verpflichtung zu helfen. Der Gefragte wird also so lange andere Menschen fragen, bis er einen findet, der weiterhelfen kann. Es kann passieren, dass da dann 10 Menschen versuchen, den Weg zu erklären.

Das geht also über Körpersprache hinaus …

Gabi Kratochwil: Richtig! Verstehen Sie den Unterschied? Wir leben in Deutschland in einer informationslastigen, schriftorientierten Kultur. Wenn ich mit Studenten einen Termin ausmache, dann gebe ich einen Ablaufplan raus, da steht dann »9 Uhr, Treffen am Busbahnhof.« Vielen Arabern in Deutschland fehlt da oft die direkte, die persönliche Kommunikation.

Weil es für sie eher ein sozialer Austausch ist?

Gabi Kratochwil: Genau. Und weil ich es im arabischen Raum gewohnt bin, dass das persönliche Netzwerk mir die nötigen Informationen liefert, wenn es akut wird, wenn ich sie brauche – während wir in Deutschland eher lange vorausschauend planen, viel verschriftlichte Kommunikation nutzen. Araber erleben Deutschland also als sehr formalisiert, schriftlastig und wenig sozial interaktiv.

»Araber erleben Deutschland also als sehr formalisiert, schriftlastig und wenig sozial interaktiv.«

Aber nicht jeder Deutsche hat eines ihrer Seminare besucht oder hat es vor. Gibt es nicht grundsätzliche Ratschläge, mit Situationen umzugehen, in denen wir auf fremde Kulturen und fremde Körpersprache treffen?

Gabi Kratochwil: Beobachten, offen sein, flexibel sein, sich einfach mal die Frage stellen: »Habe ich das jetzt richtig interpretiert, ist das der richtige Referenzrahmen? Fehlt mir vielleicht noch eine Information?« Und einfach kommunizieren. Wenn ich nicht sicher bin, kann ich doch fragen! Ich muss nur dafür offenbleiben, meine kulturelle »Toolbox« immer zu erweitern.

Und spezieller beim Thema Körpersprache?

Gabi Kratochwil: Dort sollte man bei Unsicherheit lieber reagieren statt agieren; beispielsweise beim Händeschütteln. Wenn ich nicht weiß, ob eine Hand kommt oder nicht, warte ich kurz ab. Im Zweifel werden wir uns gegenseitig taxieren und »abtasten«, dann lachen wir vielleicht, es entsteht vielleicht sogar ein Gespräch. »Hand ja? Hand nein?« Wollen wir Missverständnisse vermeiden und interkulturell miteinander effektiv zusammenarbeiten, brauchen wir einfach mehr Kommunikation.